Ingrid Zellner

Viel Tod um nichts

Theaterkrimi. Surendra-Sinha-Krimi Nr. 4

Cover_Theaterkrimi_klein

Bei der Premiere von Shakespeares Komödie "Viel Lärm um nichts" im Naturtheater Hayingen verunglückt der Darsteller des Don Pedro tödlich. Als man das Stück im Jahr darauf wiederaufnehmen will, erscheint im Schaukasten der Naturbühne eine anonyme Warnung, dass auch diesmal der Don-Pedro-Darsteller die Premiere nicht überleben wird. Das bringt die Kripo Reutlingen auf die Idee, einen Ermittler undercover in das Ensemble einzuschleusen, der die Rolle übernehmen und während der Proben herausfinden soll, was es mit dieser ominösen Todesdrohung auf sich hat. Surendra Sinha, Kommissar indischer Abstammung und eigentlich aus seinem Beruf ausgestiegen, wird zu diesem Zweck reaktiviert. Dass er noch nie auf einer Bühne gestanden hat, stört außer ihn selbst niemanden. Und so übernimmt er mit Todesverachtung diese Theater-Mission, ohne zu ahnen, was alles auf ihn zukommen wird. Er weiß nur eines: dass sein Leben auf dem Spiel steht, wenn er das Rätsel nicht rechtzeitig vor der Premiere löst.


Oertel+Spörer, 2024 (272 Seiten) *** Erscheint am 06.03.2024 ***

Leseprobe


»Ich soll was??«
   Ungläubig schaute Surendra Sinha abwechselnd Frank Hasemann und Dorothea Kaiser an, die ihm im Büro der Kriminalhauptkommissarin in Reutlingen gegenübersaßen und ihn soeben darüber in Kenntnis gesetzt hatten, welchen Job sie aktuell zu vergeben hatten – und dass sie ihn als die Idealbesetzung dafür betrachteten. Im wahrsten Sinne des Wortes.
   »Welchen Teil hast du nicht verstanden?«, fragte Frank in schönster Unschuld zurück.
   Surendra schüttelte fassungslos den Kopf. Offenbar hatte er sich geirrt, und sein Freund hatte tatsächlich keine Skrupel gehabt, ihn für einen … einen Witz von Indien nach Reutlingen zu zitieren. Und jetzt durfte er sich den Kopf darüber zerbrechen, wie er das Angebot, als Undercover-Ermittler in einem Freilichttheater auf der Alb mitzuwirken, möglichst höflich ausschlagen konnte.
   »Ich meine … das ist doch jetzt ein Scherz, oder?«, sagte er. »Ich soll mich in eine Theatertruppe einschleusen und herumschnüffeln wie weiland Miss Marple in Vier Frauen und ein Mord?«
   »Nicht ganz.« In Franks Augen funkelte ein lebhafter Schalk. »Du brauchst keinen Rock anzuziehen, und Miss Marples schaurig-schöne Ballade von der Lady mit Namen Lou musst du auch nicht auswendig lernen.«
   »Dafür vermutlich jede Menge anderen Text«, erwiderte Surendra trocken. »In dem Zusammenhang möchte ich übrigens auf ein winziges Detail hinweisen, das dir und der werten Frau Kollegin seltsamerweise völlig entgangen zu sein scheint: Ich habe noch nie in meinem Leben Theater gespielt!«
   »Doch«, entgegnete Frank und grinste breit. »Mit mir ständig. Oder hast du die Scharaden vergessen, die wir bei jeder Gelegenheit aufgeführt haben, als wir noch im Team zusammengearbeitet haben?«
   »Das ist ganz was anderes«, widersprach Surendra hitzig. »Das war Schmierentheater im Dienst, um verdächtige Subjekte abzulenken oder um uns unauffällig abzusprechen, wenn der Feind zugehört hat. Wir haben da jedes Mal wild drauflos improvisiert. Das kannst du doch nicht damit vergleichen, dass ich jetzt höchst offiziell eine Hauptrolle in einem Shakespeare-Stück spielen soll!«
   »Ach komm, das kannst du doch«, schmunzelte Frank. »Wenn ich dran denke, wie du seinerzeit immer mit Linnea gesungen und getanzt hast – damit könntest du in jedem Bollywood-Film auftreten. Und das bisschen Spielen kriegst du auch noch hin.«
   »Na klar.« Surendra gab ein sarkastisches Schnauben von sich. »Bollywood. Bin ich Shah Rukh Khan?«
   »Aber nein!« Der Schalk in Franks Augen blitzte vor Übermut. »Du siehst viel besser aus. Typ Arjun Rampal, würde ich sagen. Hübsches Kerlchen.«
   Surendra bedachte seinen Freund mit einem vernichtenden Blick und wandte sich hilfesuchend an Dorothea Kaiser.
   »Hören Sie – ich weiß ja nicht, was für einen Clown der Herr Kollege heute gefrühstückt hat, aber vielleicht kann man wenigstens mit Ihnen vernünftig reden. Ich meine es ernst: Ich habe noch nie auf einer Bühne gestanden. Es würde doch keine zwei Minuten dauern, bis die Herrschaften in dem Theater merken, dass ich von dem Metier keine Ahnung habe! Abgesehen davon – Sie haben doch vorhin erwähnt, dass man auf dieser Naturbühne in schwäbischer Mundart spielt. Und das würde ich nur mit einem verdammt guten Sprachcoach hinkriegen: Ich verstehe Schwäbisch zwar, aber ich spreche es nicht.«
   »Das ist das geringste aller Probleme«, versicherte Dorothea Kaiser. »Dass Schwäbisch sozusagen die ›Amtssprache‹ ist, bedeutet ja nicht, dass alle anderen Sprachen streng verboten sind. Und meiner Ansicht nach kann ein edler Prinz wie Don Pedro ohne Weiteres feinstes Hochdeutsch sprechen. Das setzen wir schon durch.«
   »Mag sein«, meinte Surendra. »Aber das Stichwort ›Don Pedro‹ führt uns gleich zum nächsten Problem: Was, wenn es uns bis zur Premiere nicht gelingt, herauszufinden, was es mit dieser Todesanzeige auf sich hat? Fällt die Premiere dann aus – oder findet sie trotz der Drohung statt, und ich darf meine Haut riskieren und sehenden Auges ins offene Messer rennen? Womöglich sogar buchstäblich?«

 

Making-of

 

Einen Theaterkrimi oder überhaupt irgendeinen Roman mit Theaterbezug zu schreiben war schon lange mein Traum. Schließlich bin ich Theatermensch durch und durch, stehe seit meiner Kindheit regelmäßig auf der Bühne und habe jahrelang professionell als Dramaturgin an verschiedenen Häusern gearbeitet. Aber wie so oft, wenn ich zu einem Thema besonders viele Grundideen habe, fand ich auch diesmal lange nicht den rechten Ansatz dafür. Kein Plotversuch entwickelte sich so, dass ich “Bingo!” gerufen hätte – ähnlich wie bei meinem Kommissar Surendra Sinha, über den ich nach “Stumm vor Angst” gerne weitere Krimis geschrieben hätte, was aber daran scheiterte, dass keine der Storys, die ich um ihn herum zu konstruieren versuchte, mich überzeugte.

Als ich während der Corona-Pandemie auf die Schwäbische Alb zog, hoffte ich von Anfang an, dort auch wieder Anschluss an eine Bühne zu finden, schließlich liebe ich das Theaterspielen und hätte es nur ungern aufgegeben. Der Zufall führte mich 2022 zum Naturtheater Hayingen – und als ich das Naturbühnengelände dort im Tiefental zum ersten Mal sah, schrie die Krimiautorin in mir sofort “Hurra!”. Wo man hier überall Leichen verstecken beziehungsweise finden konnte! Herrlich!! *g*

Kein Zweifel: Ich hatte meinen perfekten Spielort gefunden. Und inspirierend war er auch, denn plötzlich war sie da, die Plotidee, nach der ich so lange vergeblich gesucht hatte. Ein Ermittler sollte undercover in dieses Ensemble geschleust werden, um einen Todesfall während einer Vorstellung aufzuklären und vor allem auch herauszufinden, was hinter einer ominösen Drohung gegen das Theater steckte. Und ich wusste auch sofort den perfekten Mann für diesen Job: Surendra Sinha!

Ich war wie im Glücksrausch. Endlich ein Theaterkrimi, und endlich das langersehnte Comeback für meinen geliebten Ermittler mit den indischen Wurzeln (der zwar noch nie in seinem Leben etwas mit Theater am Hut gehabt hatte, aber da musste er durch)! Jetzt brauchte ich noch ein Stück, das auf dieser Bühne einstudiert werden sollte; dabei entschied ich mich spontan für Shakespeares Komödie “Viel Lärm um nichts” – ohne zu ahnen, wie perfekt sich dieses Stück noch in meine Plotidee einfügen sollte. Es passte einfach alles, von Anfang an.

Nachdem ich eine ganze Sommersaison lang in dem Naturtheater gespielt hatte, schrieb ich zuerst die “Rattenweihnacht” fertig und machte mich dann an den Theaterkrimi. Ein, zwei Fragezeichen tauchten in meiner Storyline noch auf – aber dann fuhr ich einfach schnell nach Hayingen und ließ die Blicke über das vertraute Bühnengelände schweifen. Dann kamen die Antworten wie von selbst.

Es wurde ein Fest, diese Geschichte zu schreiben, bei der ich viele eigene Erfahrungen einfließen lassen konnte – und das nicht nur in Bezug aufs Theater vor und hinter den Kulissen, sondern vor allem auch bei den Schilderungen, wie Surendra die Schwäbische Alb kennenlernt und erkundet und sehr schnell sein Herz an diese herrliche Landschaft und das Biosphärengebiet verliert. So wurde dieser Krimi nicht nur eine Liebeserklärung ans Theater, sondern auch an die Alb, auf der ich mich von Anfang an wie zuhause gefühlt habe.

Übrigens: Sollten meine Mitspieler beim Naturtheater Hayingen oder auch meine ehemaligen Kollegen vom Theater am Stadtwald Dachau “Viel Tod um nichts” mal lesen, dann möchte ich auch an dieser Stelle noch einmal betonen: Sämtliche Schauspieler sind frei erfunden – Ähnlichkeiten wären rein zufällig! :)